Kobolde mit künstlicher Intelligenz
Hamburg (gms) - Die Neugier der kleinen Norns ist nicht
zu bremsen. Überall müssen sie ihre Nase hineinstecken. Einen Sack Flöhe
zu hüten ist einfacher als die Kontrolle über die digitalen Kobolde zu behalten.
Dabei existieren Norns nur in den Arbeitsspeichern der Computer. Technisch
gesehen bestehen sie nur aus Bits und Bytes - aber irgendwie sind sie auch
ganz niedlich. Angesichts ihres komplexen Verhaltens muß ihnen so etwas
wie künstliche Intelligenz zugebilligt werden. Mehr
als drei Jahre hat es gedauert, Norns zu kleinen "Lebewesen" zu machen.
So lange haben Informatiker, Biologen und Experten für künstliche Lebensformen
im Auftrag der Software-Schmiede Millennium Interactive in Cambridge an
ihrem Cyberlife-Konzept gefeilt. Damit lassen sich für Computer so fremde
Eigenschaften wie Hunger, Freude, Neugier und Lernen umsetzen. Die urheberrechtlich
geschützte Software "Creatures" installiert auf dem Rechner ein genetisches
System. Es steuert Biochemie, Verstandes- und Körperentwicklung der Organismen
und verkörpert den Angaben seiner Programmierer zufolge einen "offenen und
entwicklungsfähigen Verstand".

. . . Kobolde mit künstlicher Intelligenz
Norns wollen immer beschäftigt werden.
Wie einem kleinen Kind muß man ihnen alles beibringen. Woher sollen sie
auch wissen, daß man zuerst einen Knopf drücken muß, um Fahrstuhl fahren
zu können? Wenn sie es verstanden haben, werden sie durch "Streicheln"
belohnt. Nach und nach lernen Norns mit Bällen und Brummkreiseln zu spielen,
Feuer zu meiden, Futter zu suchen. Dabei erkunden sie unablässig ihre
Umgebung. Dazu ist viel Platz: Sie leben in der Welt Albia, die zwölfmal
so breit und dreimal so hoch wie das Monitorbild ist.
"Digitale Erbmasse"
Wie in der Natur läßt sich auch bei den Norns nicht
vorhersagen, wie ihre digitale Erbmasse bei der Paarung von Vater und
Mutter auf die Nachkommen verteilt wird. So wissen selbst die Programmierer
nicht, wie nachfolgende Generationen aussehen und sich verhalten werden.
Und in den Computern auf der Erde dürfen sich ungezählte Norn-Populationen
entwickeln - ein bislang einmaliges Experiment.
Dabei müssen die kleinen Kobolde in ihrer Umgebung nicht
allein bleiben. Über das Internet "http://www.cyberlife.com/ " können
sich die Spieler neue Gegenstände nach Albia holen, Norns in Pflege geben
oder genetische Codes für die Zucht austauschen.
Der Plan, Intelligenz "nachzubauen", ist übrigens nicht
neu. Schon vor 40 Jahren gab es Versuche - damals war die Euphorie groß.
Computer sollten dichten und denken, musizieren und mathematische Beweise
führen. Bei dieser Gelgenheit wollten die Informatik-Gurus der 50er Jahre
auch gleich noch das menschliche Hirn im Rechner nachbilden und optimieren.
Heute können die Maschinen von allem ein bißchen, doch wirklich intelligente
Computer gibt es bislang nicht.
"Wir stehen erst am Anfang"
"Die hochfliegenden Prognosen von damals waren schlicht
unseriös", faßt Rudolf Kruse zusammen. Doch als einer der weltweit führenden
Köpfe auf dem Gebiet der "computational intelligence" sieht sich der Professor
für Theoretische Informatik noch immer mit den Folgen der längst überholten
Technik-Euphorie konfrontiert. "Unsere Ergebnisse sind vielversprechend,
aber wir stehen erst am Anfang", bremst er überzogene Erwartungen an die
künstliche Intelligenz.
Kruse, der an den Universitäten Magdeburg und Braunschweig
lehrt, fällt bereits die Definition des Begriffes schwer. Ein Schachcomputer
für 29,80 Mark hätte im 17. Jahrhundert zweifellos als technische Weltsensation,
eben als intelligente Maschine, gegolten. Anders als damals würde nach
heutigem Wissenstand niemand mehr behaupten, der Automat handele überlegt,
sei schlau oder gar clever. Und die Wissenschaft schreitet fort. Was,
wenn das menschliche Gehirn - laut Kruse die größte Leistung der Evolution
- wie der Schachcomputer eines Tages wirklich ganz durchschaut sein sollte?
"Dann müßten wir uns neu unterhalten", sagt er. Denn Dingen, deren Funktion
er vollständig verstanden habe, billige der Mensch Intelligenz nicht zu.
"Computer sind rasend schnell, aber strohdumm"
"Computer sind rasend schnell, aber strohdumm", stellt
der Informatiker klar. Sie können zwar einzelne Aufgaben schneller lösen
als der Mensch. Doch schon der Befehl, über den Flur zu gehen und eine
Tasse Kaffee zu holen, habe sich als komplizierte Aufgabe für die Maschine
herausgestellt. Dazu fehle ihnen einfach jenes selbstverständliche Alltagswissen,
das sich der Mensch im Laufe seines Lebens unbewußt aneigne: Woher soll
ein Rechner wissen, daß man nur durch offene Türen gehen kann? Schwierigkeiten
haben Computer auch beim Deuten von Zusammenhängen. Sprechen Menschen
von "kaltem" Bier, meinen sie ungefähr eine Temperatur zwischen acht und
zwölf Grad. Lauwarmes Essen ist zirka 20 Grad "kalt", "kalter" Stahl hingegen
ist nach dem Walzen noch glühend heiß.
Mitdenkende Textverarbeitung nicht absehbar
Trotz aller Probleme will Kruse nicht als Pessimist
gelten. "Wir müssen für unsere Ziele aber realistische Zeiten angeben",
fordert er von seinen Kollegen. Mitdenkende Textverarbeitung oder simultan
übersetzende Telefone seien noch nicht absehbar. Über Schlagzeilen wie
"Superintelligente Rechner werden eines Tages die Erde regieren" schüttelt
der Professor nur den Kopf.
"Creatures" kostet 89 Mark, läuft auf schnellen Windows
95- und Mac-Rechnern. Eine schnelle Grafikkarte ist ebenso zu empfehlen
wie eine Soundkarte. Von Thilo Resenhoeft
Letzte Änderung: 08.04.1997 18:07
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