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Dienstag, 4. Juli 2000

TECHNOLOGIE Virtuelle Haustierchen denken mit Selbst lernende Software ist auf dem Vormarsch: Roboter werden künftig vom PC gesteuert

Von RÜDIGER HAUM

 

HAMBURG. (gms) Die Experten sind sich einig: Künstliche Intelligenz wird eines der bestimmenden Themen des 21. Jahrhunderts, auch in der Spielwarenindustrie.

Schon jetzt hilft künstliche Intelligenz, neue Märkte zu erschließen, während "Intelligente Agenten" die neue Schlüsseltechnologie für das Internet werden sollen. In der Zukunft, so die Pläne von Wissenschaftlern, wird künstliche Intelligenz in Form von Robotern unseren Alltag bestimmen.Virtuelle Haustiere, die seit etwa zwei Jahren verstärkt die PCs bevölkern, folgen zumindest in Grundzügen menschlicher Intelligenz. Wenn die Norns aus dem Spiel Creatures essen, schlafen und spielen, entwickeln sie ihre Fähigkeiten nach ersten Anweisungen des Benutzers von einem bestimmten Punkt an selbstständig weiter. Können sie kaputte von heilen Gläsern unterscheiden, arbeiten sie brav am Fließband. Wissen sie, was Karotten sind, essen sie, wenn sie Hunger haben.

Der Schlüssel zur Handlungsvielfalt - denn kein Norn-Dasein läuft gleich ab - liegt in selbst lernender Software."Norns sind kleine Kreaturen, die aus Simulationen der Grundbestandteile echter Lebewesen bestehen: Neuronen, biochemische Bestandteile, chemische Rezeptoren und Gene", erklärt Steve Grand, Erfinder der Norns und Programmierer von Creatures in Cambridge (Großbritannien). "Norns verhalten sich real insofern, als ihr Verhalten nicht programmiert ist, sondern aus dem Zusammenspiel der simulierten Bestandteile entsteht."´Im Internet sollen in der nahen Zukunft intelligente Agenten dem Surfer zu mehr Orientierung in der Flut von Websites verhelfen. Sind sie mit Informationen des Users gefüttert und haben ihn beim Surfen selbst beobachtet, so sollen sie im Idealfall simple Entscheidungen an der Stelle des Users treffen.

Im Vergleich zu den Visionen der "Gurus" der Künstlichen Intelligenz nehmen sich die derzeit realisierbaren Anwendungen lernfähiger Software allerdings als reine Spielereien aus. Steve Grand etwa hat sich aus dem Spielegeschäft zurückgezogen und versucht, mit selbst lernender Software Roboter zu bauen. Im Moment arbeitet er mit seiner Firma Cyberlife Research an einem Mini-Segelflugzeug namens Birdbrain. Im Cockpit sitzt dabei kein Pilot, sondern ein PC, der das Miniaturflugzeug nach dem Start ohne Fernsteuerung eigenständig in der Luft halten soll."Idealerweise soll der Computer so schlau sein", erläutert Grand, "dass er genau wie ein menschlicher Pilot auf die zum Segelfliegen relevanten Faktoren wie Thermik und Windstärke reagieren kann und in der Luft bleibt." Damit der Segler nicht gleich zu Boden geht, lernt die Software des Computers vor dem ersten Start per Kabelverbindung an einem gewöhnlichen Flugsimulator für Heim-Computer die nötigen Flugmanöver.

Noch weiter gehen die Pläne von Professor Hugo de Garis, Leiter der Forschungsgruppe Künstliche Gehirne am STARLAB Forschungszentrum in Brüssel. De Garis will künstliche Intelligenz nicht über Software simulieren, sondern einen Computer bauen, der in Aufbau und Struktur dem Gehirn ähnelt und letztlich an Leistungsfähigkeit übertrifft. Ziel ist es, Maschinen zu konstruieren, die gehirnartige Strukturen in Form spezieller Mikrochips selbst produzieren.Dass künstliche Gehirnzellen tatsächlich so etwas wie künstliche Intelligenz erzeugen können, soll in naher Zukunft die Roboter-Katze Robokoneko der Firma Genobyte in Boulder im US-Bundesstaat Colorado beweisen. In etwa zwei Jahren, schätzt de Garis, wird ein künstliches Gehirn "das Verhalten von Robokoneko steuern". Welche Fähigkeiten das künstliche Kätzchen genau besitzt, verrät de Garis genauso wenig wie die Firmenwebsite unter http://www.genobyte.com./

Steve Grand glaubt an die menschliche Versöhnung mit der Technik: "Wir werden unsere Maschinen endlich so programmieren können, dass sie auch noch Spaß an ihrer Arbeit haben.”


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