Herr Gruber: Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer,
herzliche willkommen bei Alpha-Forum-Wissenschaft. Unser Thema
lautet heute: "Künstliche Intelligenz - können Maschinen denken?"
Lassen wir das Fragezeichen zunächst einmal ganz einfach stehen.
Ich darf Ihnen unsere Gesprächsteilnehmer hier im Studio vorstellen.
Von der Universität Freiburg ist Prof. Dr. Bernhard Nebel zu uns
gekommen. Herr Nebel, was haben Sie denn mit der künstlichen Intelligenz
an Ihrem Institut zu schaffen?
Prof. Nebel: Ich habe einen Lehrstuhl für
die Grundlagen der künstlichen Intelligenz. Das deutet schon an,
daß ich mich eigentlich mehr mit theoretischen Fragestellungen
auseinandersetze. Da geht es z. B. darum, bestimmte Formalismen
zu entwickeln, mit denen man so etwas wie Handlungsplanung oder
logische Schlußfolgerungen beschreiben kann. Wir beschäftigen
uns aber auch mit praxisnäheren Dingen wie z. B. dem Roboterfußball
oder auch der Rollfeldplanung.
Herr Gruber: Darauf werden wir sicher noch zu
sprechen kommen. Aus München vom "Forschungszentrum für wissensbasierte
Systeme" begrüße ich Professor Radig. "Wissensbasierte Systeme":
Das hört sich nicht unbedingt nach KI an. Hat das denn damit wirklich
etwas zu tun?
Prof. Radig: Wir beschäftigen uns damit,
künstliche intelligente Systeme in die Anwendung hineinzubringen,
d. h., Systeme zu bauen, die auf einem Wissensfundus arbeiten
und damit intelligente Dinge tun können wie z. B. Fußballspielen.
Aber das ist natürlich nur eine Seite der Medaille. Viel interessanter
sind Aspekte der Aktion in der realen Umwelt: Wir beschäftigen
uns damit, wie wir Bilder verstehen können und wie wir aufgrund
dieses Verständnisses und dieser Analyse von Bildern reagieren
können.
Herr Gruber: Fußballspielen scheint etwas sehr
Interessantes zu sein auf diesem Gebiet. Herr Professor Görz,
Sie sind von der Fachrichtung Informatik der Universität Erlangen-Nürnberg
hierher gekommen. Haben auch Sie etwas mit Fußball zu tun?
Prof. Görz: Nein, aber mit Sprache. Wir
haben einige Projekte und das ist auch mein Hauptarbeitsgebiet
im Bereich der maschinellen Sprachverarbeitung und dabei insbesondere
im Bereich von Systemen, bei denen man mit gesprochener Sprache
Auskünfte einholen oder Verhandlungen führen kann. Es geht dabei
auch um Systeme, die in andere Sprachen dolmetschen. Und es geht
um die Darstellung des ganzen Wissens, das man dazu braucht: Das
ist nicht nur das Wissen über die Sprache selbst, sondern über
unsere Lebenswelt, über das gesellschaftliche Umfeld, über die
Konventionen, die wir befolgen usw.
Herr Gruber: Auch das werden wir sicher noch vertiefen.
Ich darf in unserer Runde noch jemanden begrüßen, der eigentlich
eher aus dem Bereich kommt, mit dem wir normalen Bürger und Menschen
öfter zu tun haben: Herr Dr. Klotz kommt aus der Redaktion des
Magazins "Chip". Sie leiten dort das Ressort "Magazin" und haben
dabei ein spezielles Interesse an künstlicher Intelligenz und
an Computerspielen. Was haben Sie als Redakteur bei "Chip" mit
künstlicher Intelligenz zu tun?
Dr. Klotz: Das ist für uns immer wieder
einmal ein Thema. Wir beschreiben in unserem Magazin ja auch einige
Faszinationsthemen, und da gehört die KI sicherlich mit dazu:
mit den Versprechungen und den Erwartungen, die man auf diesem
Gebiet hegt. Daneben sehen wir ja bereits im PC von heute Ergebnisse
früherer Forschungen. Heute werden Texte gescannt: Man kann also
Text z. B. in andere Darstellungsformen umwandeln. Auch in Spielen
befindet sich heute bereits KI.
Herr Gruber: Das bezeichnen Sie also auch als
KI oder als ein Ergebnis der Forschung in diesem Bereich?
Dr. Klotz: Ja, vor einigen Jahren bzw.
in den fünfziger und sechziger Jahren hat man ja darüber geredet,
was man machen möchte: z. B. Texte übersetzen. Heute gibt es Programme,
die das zwar bei weitem noch nicht perfekt, aber immerhin doch
so können, daß Spezialisten darin eine gute Unterstützung finden.
Sie können heute schon Diktierprogramme der zweiten Generation
in Packungen im Computerhandel erwerben: Sie sind auch noch nicht
so, daß man mit ihnen wirklich glücklich werden kann, aber die
dritte Generation die Erwartung ist da bei mir so ähnlich wie
damals bei der dritten Generation von "Windows" wird wohl den
Vorstellungen zunehmend entsprechen.
Herr Gruber: Nun haben wir ja schon eine ganze
Menge an Beispielen gesammelt. Kommen wir doch noch einmal zurück
zu unserem Titel: Können Maschinen denken? Was ist eigentlich
KI, was ist künstliche Intelligenz? Wenn ein technisches System
eine Leistung vollbringt, die ich bei einem Menschen als intelligent
bezeichnen würde, dann ist dieses System intelligent, dann kann
diese Maschine denken. Kann man das so sagen?
Prof. Radig: Das kann man sicherlich so
sagen. Aber wir müssen schon noch spezifizieren, was denn eine
herausragende Leistung ist, insbesondere bei Maschinen. Man muß
darüber nachdenken, wie sich Intelligenz eigentlich äußert: Äußert
sie sich darin, daß jemand vernünftig interpretieren kann, was
er sieht, daß er zuhören kann und versteht, was ein anderer sagt,
und daß er sprechen und handeln kann? Genau auf diesen Standpunkt
kann man sich auch stellen, wenn wir Maschinen das Sehen, das
Zuhören, das Sprechen und das Handeln z. B. in Form der Roboter
beibringen. Wenn sie das alles vernünftig machen, kann man sagen,
daß die Maschinen zumindest intelligent agieren. Ob sie aber innen
drin intelligent sind?
Herr Gruber: Das interessiert vielleicht gar nicht
so sehr.
Prof. Radig: Ja, vielleicht interessiert
das gar nicht.
Herr Gruber: Nun gibt es ja ein ganz spannendes
und auch einigermaßen aktuelles Beispiel: diese Schachweltmeisterschaft,
bei der der Computer "Deep Blue" den Schachweltmeister Kasparov
geschlagen hat. Ist das nun zum einen eine intelligente Leistung
gewesen, und ist zum anderen dieses System, das so etwas geschaffen
hat, ein System der KI?
Prof. Nebel: Dazu hört man immer mehrere
Meinungen. Meine Meinung ist, daß die Methoden, die dabei eingesetzt
worden sind, Methoden der künstlichen Intelligenz sind. Und um
zu gewinnen, war dazu natürlich noch sehr viel Rechenpower notwendig.
Man hat dabei diese Spielbaumanalyse eingesetzt, und man hat eine
ganze Menge an Schachwissen hineingesteckt: Das sind alles Methoden,
die aus der KI kommen und die dort auch weiterentwickelt worden
sind bis hin eben zu dieser Stufe.
Herr Gruber: Ich glaube, dieses Stichwort, das
Sie vorhin gegeben hatten, wie es innen drin aussieht, ist etwas
ganz anderes betrifft wahrscheinlich auch "Deep Blue". Denn man
kann ja entweder sagen: "Ich will wissen, ob das Intelligenz ist,
was da innen passiert so wie das bei uns Menschen abläuft." Oder
man sagt: "Mich interessiert nur, was dieses System für eine Leistung
bringt, mich interessiert nur die Performance. Wenn die in Ordnung
ist, dann nenne ich das intelligent."
Prof. Nebel: Wobei aber eher die Beobachtung
zu machen ist, daß wir es bei allen Maschinen oder auch allen
Verfahren, die wir zu einer bestimmten Reife gebracht haben und
die von uns auch eingesetzt werden, mit einer natürlichen Gelassenheit
hinnehmen, daß man diese intelligente Leistung nun von der Maschine
bekommt. Man denkt nicht darüber nach, ob diese Maschine denken
kann oder intelligent ist. Statt dessen nimmt man das ganz einfach
hin. Als ich z. B. die Fahrt hierher geplant habe, setzte ich
mich an meinen Rechner und holte mir die Auskunft ein, wie ich
von Freiburg nach Nürnberg komme: Und der Rechner zeigt mir die
drei besten Routen auf. Normalerweise müßte man dazu einen Schalterbeamten
fragen. Aber wir nehmen diese Leistung ganz einfach so hin und
würden nicht sagen, daß da KI-Technik dahintersteckt.
Herr Gruber: Es ist für uns ganz normal, daß das
so funktioniert. Wir reden über KI, aber was uns im Alltag begegnet,
sind ganz normale Computer und Computerprogramme. Man macht ja
mittlerweile auch keine Schleichwerbung mehr, wenn man von "Windows"
des Marktführers redet: Das ist elektronische Datenverarbeitung.
Was aber ist denn eigentlich der Unterschied in Richtung KI? Müssen
Sie manchmal auch Ihren Lesern den Unterschied zwischen KI und
EDV klarmachen?
Dr. Klotz: Ich glaube, auf dieser unteren
Ebene kann man das gar nicht unterscheiden. Letztendlich läuft
eben im Computer irgend etwas ab, indem Bits und Bytes gegeneinander
verrechnet werden: Da kann ich schon längst nicht mehr sehen,
was da genau passiert. Wenn ich von KI spreche, meine ich ja eine
bestimmte Art, über ein Problem nachzudenken, über eine Modellierung.
Zu dem, was Herr Nebel gesagt hat, könnte man noch folgendes ergänzen.
Eine leicht spöttische Aussage über KI lautete ja immer: Wenn
es noch nicht funktioniert, ist es ein Thema der KI, und wenn
es dann funktioniert, spricht man nicht mehr davon, dann ist das
eben etwas ganz Normales, so wie ich einen Schachcomputer heute
bereits im Handel kaufen kann.
Herr Gruber: Das heißt, die KI-Leute haben manchmal
ein wenig den Eindruck, daß sie unter Wert gehandelt werden und
die Leute gar nicht wertschätzen, was sie gemacht haben. Ist das
so?
Prof. Görz: Nein, das würde ich nicht so
sehen. Es wird sicher sehr viel experimentiert, und es wird sicherlich
auch häufig mit unzulänglichen Verfahren gearbeitet. Man weiß
auch, daß sie in gewisser Weise unzulänglich sind. Es ist also
auch immer eine empirische Komponente mit dabei. Zum Beispiel
ist es eben auch in der Sprachverarbeitung so: Man muß auf vielen
Ebenen Kompromisse schließen, um mit den technischen Möglichkeiten,
die man hat, einen nützlichen Effekt erzeugen zu können. Ich glaube
also nicht, daß das unterschätzt wird. Es ist vielleicht anders
als in anderen Teilgebieten der Informatik, wo möglicherweise
der Aufbau eines solchen Softwaresystems mit anderen Methoden
vonstatten geht. Da wird sicherlich eine sehr viel umfangreichere
Planungsphase vorgeschaltet, um ein großes Softwaresystem zu bauen.
Bei den KI-Systemen, die in ihrer Struktur oft auch sehr komplex
sind, wird sehr viel mehr experimentiert. Es hat sich auch gezeigt,
daß in bestimmten Bereichen die Methoden, die man benutzt, um
meinetwegen große kommerzielle Softwaresysteme entwerfen zu können,
auch gar nicht so brauchbar sind. Denn oft weiß man gar nicht
so genau, wie das Resultat sein wird.
Herr Gruber: KI-Forschung ist also offensichtlich
etwas sehr Komplexes, das auch sehr viele verschiedene Disziplinen
beansprucht. Vielleicht können wir nun zu diesem Anfangsbeispiel
des Fußballs zurückkommen. Ihr Team ist ja Fußballweltmeister
geworden im Gegensatz zur deutschen Nationalmannschaft im vergangenen
Jahr. Wie ist das zugegangen?
Prof. Nebel: Sie meinen die Weltmeisterschaft
selbst oder warum wir Weltmeister geworden sind?
Herr Gruber: Beides.
Prof. Nebel: Wir haben uns ganz einfach
die deutsche Nationalmannschaft angesehen und haben dabei gemerkt,
daß das eine sehr mechanische Art ist, Fußball zu spielen. Das
haben wir dann genommen und in unsere Roboter implementiert. Nein,
nein, so war es natürlich nicht. Die Idee, an dieser Weltmeisterschaft
teilzunehmen, entstand deshalb, weil wir Verfahren zur Selbstlokalisation
in einer bestimmten Umgebung testen wollten und weil wir ein Gefühl
dafür bekommen wollten, welche Probleme auftreten, wenn mehrere
Agenten in einer Umgebung zusammen agieren. Mit diesen beiden
Ideen sind wir in diesen Wettbewerb hineingegangen. Wegen dieser
Selbstlokalisation, die auf Laserscannern basiert, hatten wir
einen ungeheuren Vorteil gegenüber allen anderen Teams und konnten
ihn ausnutzen, indem wir Tore geschossen haben.
Herr Gruber: Wir können das nicht allzusehr vertiefen,
aber gegen wen haben Sie gewonnen?
Prof. Nebel: Wir haben im Endspiel gegen
Tübingen, im Halbfinale gegen die Osaka-University und im Viertelfinale
davor gegen Yale gewonnen.
Herr Gruber: Es war also wirklich eine Weltmeisterschaft.
Prof. Nebel: Ja, es waren 16 Teams aus
aller Welt daran beteiligt.
Herr Gruber: Wir haben mit diesem Thema namens
Fußball schon einen kleinen Sprung gemacht, den wir vielleicht
ein wenig aufklären sollten. KI ist ja in vielen Bereichen zu
finden, bei denen es auch unterschiedliche Teildisziplinen gibt.
Robotics und dazu gehört dann eben auch der Roboterfußball ist
ein Teilbereich. Daneben gibt es aber auch noch die Entwicklung
von Expertensystemen. Es gibt automatisches Beweisen, es gibt
die Bildverarbeitung und das Bildverstehen. Und es gibt diesen
Bereich Sprache. Mit Sprache befassen Sie sich. Sie haben das
vorhin etwas allgemein skizziert, wie aber sieht das konkret aus?
Wie sieht ein System aus, das Dolmetscherfunktionen erfüllen soll?
Prof. Görz: Wir haben in diesem Bereich
mehrere Projekte. Das größte ist VERBMOBIL: Das ist ein Projekt,
das vom BMBF, also vom Forschungsministerium in Bonn, gefördert
wird. Daran sind über 30 Gruppen aus Hochschulen, Industrie und
Forschungsinstituten beteiligt. Das sind wohl an die 120 Wissenschaftler,
die an diesem Projekt arbeiten. Das Ziel besteht darin, ein System
zu schaffen, das in nahezu Echtzeit dolmetschen kann, und zwar
zwischen drei Sprachen, nämlich Deutsch, Englisch und Japanisch.
Natürlich soll das nicht uneingeschränkt funktionieren, denn sonst
wäre das ein Ziel, das man in absehbarer Zeit einfach nicht erreicht.
Statt dessen gibt es einen ganz bestimmten Themenbereich, in dem
das System arbeiten kann. Da ging es zunächst nur um Terminvereinbarungen.
Das ist nun erweitert worden: Es geht jetzt um Reiseplanung und
Hotelreservierung. Dann gibt es noch einen zweiten Bereich, das
ist die PC-Fernwartung. Das ist ein interessantes Thema, denn
Sie wissen sicherlich, daß die Firmen alle Hotlines betreiben,
um die vielen Benutzer, die Schwierigkeiten mit ihrem PC haben,
beraten zu können. Das ist ein sehr aufwendiges Geschäft, und
da gibt es natürlich ein sehr starkes Interesse an einer zumindest
teilweisen Automatisierung.
Herr Gruber: Das System VERBMOBIL, ein Dolmetscher-System,
ist sicherlich sehr anspruchsvoll, auch wenn Sie nur mit einem
eingeschränkten Vokabular und einem eingeschränkten Gegenstandsbereich
arbeiten. Wann kann denn die Europäische Union damit rechnen,
durch den Einsatz Ihres Systems die Dolmetscherkosten zu drücken?
Prof. Görz: Das ist sehr schwierig. Wenn
Sie das Ganze immer auf einen bestimmten Themen- bzw. Sachbereich
einschränken, dann denke ich, kann man solche Systeme durchaus
in ein paar Jahren im praktischen Einsatz sehen. Je größer der
Gegenstandsbereich und je größer der Wortschatz wird, um so mehr
steigt natürlich die Mehrdeutigkeit, die unserer Sprache zu eigen
ist und die das Geschäft so schwierig macht.
Herr Gruber: Was ist dabei Ihr Nahziel?
Prof. Görz: Das Nahziel in der zweiten
und damit auch letzten Phase von VERBMOBIL besteht zunächst einmal
darin, nächstes Jahr auf der "Expo" ein Dolmetsch-System vorführen
zu können, das genau den Leistungsbereich umfaßt, den ich schon
beschrieben habe.
Herr Gruber: Wenn sich die Leute dort alle verirren,
dann sind Sie schuld, weil es nicht funktioniert hat.
Prof. Görz: Ich glaube nicht, daß dort
eine Beratung über die Orientierung auf der "Expo" gegeben werden
wird. Aber das wäre auch ein mögliches Thema, und das ist sogar
eines, das in Deutschland auch intensiv bearbeitet worden ist,
nämlich in der Frage der Wegauskünfte. Da ist es eben so, daß
beim Thema der Sprachverarbeitung die ganze Komplexität der KI
in irgendeiner Weise mit eingeht. Denn wenn man Wegauskünfte geben
will, muß man über die Lokalisation im Raum sprechen können und
irgendeine Formalisierung haben, wie man räumliche Relationen
und wie man Orientierung beschreiben kann. Daneben brauchen wir
das alles auch für den Faktor Zeit.
Herr Gruber: Man braucht dafür also eine ganze
Menge an Weltwissen.
Prof. Görz: Ja, man braucht eine ganze
Menge an Weltwissen, sowohl über die Zusammenhänge zwischen den
Wörtern als auch über den ganzen Kontext wozu u. a. das praktische
Handeln gehört. Das heißt, dabei braucht es eben ein sehr komplexes
Wissensgebiet, das man mit einbeziehen muß.
Herr Gruber: Sie haben klar gesagt, daß so ein
System nur für einen begrenzten Anwendungsbereich eingesetzt werden
kann. Könnten wir damit, Herr Professor Radig, zu den Anfängen
von KI kommen? Wenn ich das recht verstanden habe, war am Anfang
die Erwartung ja sehr groß. In den fünfziger Jahren gab es die
Rede von einem allgemeinen Problemlöser: Man glaubte, darin ein
System gefunden zu haben, das alle Probleme lösen kann, die sich
uns als Menschen stellen. Was ist daraus geworden?
Prof. Radig: Daraus geworden ist die Erkenntnis,
daß man um so mehr Wissen, Fakten und Datenmaterial braucht, je
komplexer die Probleme sind. Das heißt, wenn ich als künstliches
intelligentes System meinetwegen einen politischen Witz verstehen
will, muß ich mindestens drei Jahre Zeitung gelesen haben, um
verfolgen zu können, wie sich die politische Landschaft entwickelt
hat. Nur so kann ich als künstliche Intelligenz überhaupt über
diesen Witz lachen.
Herr Gruber: Glauben Sie, daß es jemals ein System
geben wird, das über einen politischen Witz wird lachen können?
Es gibt wohl Kollegen, die dieser Meinung sind.
Prof. Radig: Es gibt sicherlich Kollegen,
die dieser Meinung sind. Aber ich fasse diese Frage einmal etwas
weiter: Es gibt sicherlich Kollegen, die der Meinung sind, daß
künstliche intelligente Wesen irgendwie Teil unserer sozialen
Umgebung sein könnten und wir mit ihnen ernsthaft sprechen, mit
ihnen ernsthaft etwas tun könnten, und die sie wirklich ich übertreibe
da absichtlich als Lebenspartner auffassen. Für mich persönlich
ist das relativ unsinnig: Ich habe genug Lebenspartner, die aus
Fleisch und Blut sind, da brauche ich keinen künstlichen mehr.
Das ist eine Auffassung, die es eigentlich nicht zu diskutieren
lohnt. Was sich lohnt, ist folgende Frage: Ist es aussichtsreich,
komplexe Probleme wie beispielsweise die Lösung von politischen
Konflikten auf künstliche intelligente Systeme abzuwälzen? Können
wir so etwas erreichen? Das wäre wirklich eine interessante Frage.
Herr Gruber: Wie war das am Anfang, als man meinte,
man könnte Systeme für alles entwickeln? Woran sind die denn im
Grunde gescheitert? War das damals die noch nicht genügende Rechenpower?
Prof. Radig: Das war es eigentlich nicht.
Es war ganz einfach mangelnde Einsicht und der Versuch, diese
Frage auf sehr einfache Systeme abzubilden. Wenn ich mit einem
künstlichen intelligenten System ein Spiel spiele sei das nun
"Schach" oder so etwas Einfaches wie z. B. "Dame" oder Pokern
, sagt das eigentlich noch nichts darüber aus, ob künstliche intelligente
Systeme einst wirklich intelligent werden können. Wenn ich einen
Problemlösungsmechanismus für solche Trivialbeispiele entwickeln
kann, sagt das nichts darüber aus, ob sie auch in der realen Welt
verwendungsfähig sind. Die zweite irreführende Hoffnung, die man
hatte, bestand darin, daß man lernende Systeme bauen kann, d.
h. Systeme, bei denen man sich gar nicht selbst die Mühe machen
muß, ihnen das Wissen beizubringen. Statt dessen schauen sie sich
einfach in der Welt um und lernen selbst. Auch das ist eine Hoffnung,
die sich bis jetzt nicht erfüllt hat: Man kann bis jetzt auf diese
Weise keine komplexen Dinge lernen.
Herr Gruber: Liegt das daran, daß wir bis jetzt
noch nicht verstanden haben, wie wir Menschen das selbst machen,
und wir deshalb auch noch nicht in der Lage sind, so etwas in
ein Maschinensystem umzusetzen?
Prof. Nebel: Bei vielen Dingen ist es in
der Tat so, daß wir nicht verstehen, wie Menschen das machen.
Bei anderen Dingen ist es so, daß wir gar nicht verstehen wollen,
wie Menschen das machen, weil die Menschen z. B. nicht besonders
gut darin sind. Wenn man z. B. an die Logik denkt: Wenn man Versuchspersonen,
meinetwegen Psychologiestudenten, nimmt und ihnen ein paar Aufgaben
vorsetzt, die in Logik eingekleidet sind, dann wird man schnell
feststellen, daß selbst bei ganz einfachen Schlüssen nur 70 Prozent
richtige Antworten gegeben werden. Das ist sehr bedenklich, weil
man bei einem Computer eben 100 Prozent richtige Antworten bekommen
kann. Da möchte man dann, wie ich meine, gar nicht genauer wissen,
wie der Mensch das macht, welche Prinzipien er verwendet.
Herr Gruber: Heißt das, daß wir vielleicht sogar
Angst haben müssen, daß uns diese Systeme eines Tages einfach
ausspielen werden?
Prof. Nebel: Nein, nein. Ich denke, das
ist genauso wie bei einem Rechner. Heutzutage wird das Rechnen
nicht mehr als kognitive Fähigkeit aufgefaßt: Wir wollen zehnstellige
Zahlen gar nicht mehr im Kopf miteinander multiplizieren. Genauso
werden wir uns meiner Meinung nach auch irgendwann von einer Maschine
beim logischen Schließen unterstützen lassen.
Herr Gruber: Vielleicht war der Ansatz am Anfang
zum Scheitern verurteilt, weil man so große Pläne hatte. Ich habe
den Eindruck, die KI hat sich dahin bewegt zu sagen: "Laßt uns
doch ganz einfache Aufgaben anschauen und versuchen, hier Lösungen
zu finden!"
Prof. Radig: Ich komme einfach noch einmal
auf das Beispiel Fußball zurück. Wir betreiben auch ein Fußballspiel.
Und das ist deswegen ein so schönes Beispiel, weil man daran erstens
studiert, wie man Maschinen das Sehen beibringen kann, so daß
sie diese einzelnen Fußballspieler, die wie in meinem Fall, bei
meinem Team, mit Fernsehkameras ausgerüstet sind, erkennen können,
daß sie den Gegner, den Ball und die eigenen Teammitglieder erkennen
können. Man kann ihnen beibringen, in einer vernünftigen Zeit
darauf zu reagieren: Denn es geht ja nicht an, daß sie jeweils
eine Stunde brauchen, um über jedes einzelne Bild nachzudenken
das würde ja wohl nicht funktionieren. Das zweite ist ihnen beizubringen,
intelligente Handlungen auszuführen. Die Maschinenspieler müssen
lernen, Bälle anzunehmen, Bälle abzuspielen, Bälle zu stoppen
und um die Gegner herum zu fahren. Das sind alles noch einfache
Handlungen, die aber in der Programmierung noch unendlich kompliziert
sind. Zumindest das Team von Herrn Nebel beherrscht sie nicht.
Herr Gruber: Nur keinen Streit.
Prof. Nebel: Das stimmt jetzt aber nicht.
Wir haben einen Fahrplaner, der kollisionsfrei die Fahrt plant.
Herr Gruber: Um das zu entscheiden, müßten wir
es uns anschauen können.
Prof. Radig: Das ist ja auch gar nicht
so ernst gemeint. Der dritte Punkt ist der: Wenn man diese Techniken
der Perzeption, des Sehens und des Handelns beherrscht, dann muß
man auch Strategie und Taktik entwickeln können. Die Frage dabei
ist, wie sich die Mannschaftsmitglieder abstimmen, was sie tun
sollen, wie sie den Gegner überwinden können, wie man die Pläne
des Gegners erkennen kann, um Gegenmaßnahmen zu erzeugen. Das
sind in einer verständlichen Umgebung sehr herausfordernde Probleme,
d. h., diese Probleme sind durchaus nicht klein.
Herr Gruber: Man lernt also, wie man Datensysteme
gestalten muß.
Prof. Radig: Ja, man lernt auch etwas über
strategische Fragen, über die Kommunikation zwischen den einzelnen
Mannschaftsmitgliedern, über Abstimmung, über die Rolle eines
Trainers usw.: Es gibt da also wirklich sehr viel zu lernen.
Herr Gruber: Wir haben die Frage, ob es sich bei
solchen Leistungen um wirklich intelligente Leistungen handelt,
ein wenig beiseite geschoben. Aber vielleicht können wir noch
nachtragen, daß es hinsichtlich dieser Überlegungen einen berühmten
Vater gibt, der dazu auch einen Test vorgeschlagen hat.
Prof. Görz: Man kann natürlich, wenn man
sich die Frage stellt, ob Maschinen denken können, zunächst einmal
einen Kategorienfehler konstatieren. Denn das Denken schreiben
wir zunächst einmal nur den Menschen zu. Die Frage ist eben, inwieweit
ein Artefakt überhaupt so charakterisiert werden kann. Da gibt
es eben den Theoretiker Alan Turing, der in den dreißiger Jahren
auf diesem Gebiet Meilensteine gesetzt hat. Er hat so um das Jahre
1959 herum ein Papier mit genau diesem Titel verfaßt. Er hat dabei
die Frage ganz einfach umgedreht. Er hat gesagt: "Anstelle dieser
Frage schlage ich ein Gesellschaftsspiel vor." Das war damals
in England ganz offensichtlich sehr beliebt: Jemand mußte hinter
einen Vorhang gehen, und dann konnte man Fragen stellen. Zu erraten
war dabei, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Das hat Turing etwas
abgewandelt, indem er gesagt hat: Wenn wir jemanden, wie wir heute
sagen würden, an einen Rechner setzen, er Fragen zu einem beliebigen
Thema stellen kann und dabei eine Konversation zustandekommt,
so daß der Mensch nicht mehr unterscheiden kann, ob der Antwortende
ein Mensch oder eine Maschine ist, dann wollen wir sagen, dies
ist ein intelligentes System. Das ist der sogenannte Turing-Test.
Herr Gruber: Das klingt ganz vernünftig, wenn
man davon ausgeht, daß uns die bestimmte Leistung eines Systems
interessiert und nicht so sehr die philosophische Tiefe des Ganzen.
Prof. Görz: Wenn ich das noch ergänzen
darf. Auch heute ist es durchaus noch so, denn es gibt da einen
Preis, der von einem Amerikaner ausgelobt worden ist: Entweder
jedes Jahr oder jedes zweite Jahr findet in den USA ein Wettbewerb
statt, bei dem jeder so ein Dialogsystem einreichen darf, das
dann von einer Jury beurteilt wird – ob die Leistung wirklich
adäquat ist. So ist es eben auch, wenn Sie von Intelligenz sprechen:
Das ist ja auch so ein nicht ganz unproblematischer Begriff. Wenn
Sie sich ansehen, wie dieser Begriff in der Psychologie in einem
Intelligenztest operationalisiert wird, dann sehen Sie, daß das
dabei schon auf eine Ebene kommt, die man auch formal repräsentieren
und auf einer Maschine ausführen kann. Da geht es im Kern zunächst
einmal nur um zweckrationales Handeln und um zweckrationalen Dialog.
Wenn Sie also z. B. eine Zugauskunft haben wollen, dann haben
Sie ein klares Handlungsziel. Dieser Dialog hat eine ganz bestimmte
Struktur, auch wenn man dabei natürlich dann, wenn jemand z. B.
über Telefon anruft, eine gewisse Flexibilität und Robustheit
einbauen muß. Aber das ist eine im Grunde relativ einfache, zielorientierte
und zweckrationale Geschichte, die da abläuft. Solche Dialoge
kann man heute schon durchaus zufriedenstellend führen. Es gibt
ja schon einige Länder bei uns soll das demnächst ja auch geschehen,
bei denen ein Zugauskunftssystem am öffentlichen Telefonnetz hängt.
Herr Gruber: Es gibt ja auch ein ganz berühmtes
Beispiel, von dem ich nicht weiß, ob es als Turing-Test gelten
kann: nämlich das Programm ELIZA, das sozusagen einen Psychologen
nachgebildet hat. Was hat es mit diesem ELIZA-Programm auf sich?
Prof. Nebel: Ich wollte gerade noch etwas
ergänzen: Diese Turing-Test-Wettbewerbe werden im allgemeinen
nicht zur KI gezählt. Und zwar deshalb nicht, weil die Techniken,
die da eingesetzt werden, genau die Techniken sind, die von diesem
Programm ELIZA kommen und da nur weiterentwickelt worden sind.
Das sind Techniken, da...
Herr Gruber: Vielleicht sollten wir ganz kurz
schildern, worum es sich bei ELIZA handelt.
Prof. Nebel: Das ist ein Programm, das
einen Psychologen nachäfft bzw. simuliert, der einer bestimmten
Richtung angehört, nämlich der Rogers-Therapie, der patientenzentrierten
Therapie. Diese Psychologen arbeiten so, daß sie Aussagen der
Patienten aufgreifen, sie dem Patienten zurückspielen und so das
Gespräch in Gang halten. Das ist eben eine Sache, die man mit
einem bestimmten Programm relativ einfach erledigen kann: Man
pickt sich einfach Stichworte aus dem Dialog heraus, und gibt
sie dem Dialogpartner wieder zurück. Da entsteht dann die Illusion
eines intelligenten Gesprächs.
Herr Gruber: Dieser Begriff der künstlichen Intelligenz
ist also ganz offenbar ein sehr weicher Begriff.
Dr. Klotz: Was von solchen Systemen zu
halten ist, davon können sich alle Leute selbst überzeugen, denn
diese Systeme treten heute auch im World Wide Web an. Das heißt,
man kann über Internet selbst mit Ihnen in Kontakt treten und
sich mit ihnen unterhalten. Länger als eine Minute macht man das
eigentlich nicht, weil man das Strickmuster dann schon erkannt
hat. Es ist zwar teilweise ganz witzig, sich mit ihnen zu unterhalten,
aber es kommt dabei nicht viel rüber. Da sieht man, daß das Niveau
eben nicht besonders hoch ist.
Prof. Görz: Vielleicht darf ich noch eine
Bemerkung nachschieben: Der Autor von ELIZA, Joseph Weizenbaum,
der das vor 30 Jahren gemacht hat, hat es eigentlich als Witz
gedacht. Das Verblüffende war, und das hat er auch sehr ausführlich
beschrieben, wie die Leute auf dieses Programm reagiert haben.
Obwohl er ihnen gesagt hat, daß die Konversation aufgezeichnet
wird, haben ihn manche Leute gebeten, den Raum zu verlassen, weil
sie mit diesem Programm über intime Dinge reden wollten. Ich habe
einmal eine von diesen Transkriptionen gelesen: Da ist ein Psychiater
an dieses Programm gesetzt worden, der auf ganz einfache Tricks
hereingefallen ist. In diesem Programm ist z. B. vorgesehen, daß
nach so und so viel Dialogschritten das Thema gewechselt wird.
Darüber äußert er sich in diesem Protokoll sehr erstaunt, indem
er sagt: "Manches mag ja etwas komisch gewesen sein, aber daß
nun plötzlich ein derart intelligenter Themenwechsel geschieht,
das kann eine Maschine eben nie machen!" Daran kann man also sehen,
daß sich Laien sehr leicht verblüffen lassen. Weizenbaum war im
Grunde genommen sehr erschüttert darüber, wie leicht Leute zu
täuschen sind.
Prof. Nebel: Ich denke, man kann daran
sehen, daß dieser Turing-Test eben nicht besonders valide ist.
Wir Menschen lassen uns gerne von Maschinen täuschen, und wenn
wir uns täuschen lassen wollen, sind wir schnell bereit, jemandem
Intelligenz zuzuschreiben.
Herr Gruber: Bei einem Dolmetscherprogramm kann
es schon manchmal geschehen ich hoffe es im Grunde, daß wir uns
täuschen lassen, weil das System wirklich so perfekt ist. Bei
einem Psychologietest kann das vielleicht auch funktionieren.
Aber wie lange wird es denn noch dauern, bis der Trainer der deutschen
Fußballnationalmannschaft hier in Schwierigkeiten kommt?
Prof. Nebel: Vorgesehen sind 50 Jahre.
Es ist tatsächlich so, daß die Robocup-Federation als Fernziel
angegeben hat, in 50 Jahren gegen den dann amtierenden Fußballweltmeister
mit einer Robotermannschaft antreten zu wollen. Da 50 Jahre so
weit gewählt sind, daß wir bis dahin alle pensioniert sind, haben
wir wohl alle kein Problem mehr damit.
Herr Gruber: Aber das Thema der Roboter ist natürlich
insofern sehr wichtig, weil da vieles integriert ist: Da ist die
Intelligenz vorhanden, die sicher auch notwendig ist das sei auch
den Fußballfans zugestanden, da gibt es die Emotion, die bei menschlicher
Intelligenz ja auch eine Rolle spielt, und es gibt zuvorderst
den Körper. Das ist ja bei all diesen Robotern der Fall. Insofern
ist die Entwicklung von Robotern ein ganz zentrales Gebiet, oder?
Prof. Radig: Wenn ich das einmal gegeneinandersetzen
darf, dann haben wir ja folgenden Unterschied. Zum einen haben
wir das, was mit Sprache, mit Spracherzeugung, mit Sprachverstehen
zu tun hat: Das ist ja an den Menschen, an das menschliche Gehirn,
an die Abstraktionsfähigkeit und die Verstehensfähigkeit des Menschen
adressiert. Dann gibt es die andere Kategorie, wenn wir von Robotern
sprechen, die autonom und selbständig in der Welt agieren und
irgend etwas tun, sie fahren z. B. herum, spielen Fußball, graben,
putzen Fenster oder was auch immer. Sie haben Sensoren, die die
reale Umwelt wahrnehmen. Dann gibt es eben künstliche Wesen, die
etwas sehen oder hören oder sonstwie wahrnehmen können und die
etwas tun. Das muß nicht durch den menschlichen Kopf gehen, das
kann wirklich autonom geschehen. Das ist sicherlich eine sehr
interessante Klasse von Anwendungen und Herausforderungen, die
sich dabei ergibt.
Herr Gruber: Vielleicht könnten wir an dieser
Stelle das Thema der künstlichen Intelligenz erweitern, denn es
gibt auch den Begriff des künstlichen Lebens, man spricht von
"artificial life". Das ist etwas, das Sie sehr interessiert. Wo
finden wir so etwas?
Dr. Klotz: Zunächst auch nur in der Simulation.
Aber ich denke, daß der Punkt, den Professor Radig gerade angesprochen
hat, sehr entscheidend ist. Wenn ich irgendwo in einem System
Intelligenz suchen müßte, dann würde ich es dort tun, wo ein künstliches
System versucht, Inputs zu bekommen, also aus seiner Umwelt etwas
aufzunehmen. Denn nur dann wird es auch gezwungen sein wenn es
richtig programmiert ist , sich mit dieser Umwelt auseinanderzusetzen
und sich anzupassen. Und das war ja für uns Menschen in unserer
biologischen Entwicklung doch eine ganz wesentliche Triebfeder.
Gerade so etwas versucht man eben auch nachzubilden: Man schafft
also heute im Computer eine kleine künstliche Welt, bei der es
nicht unbedingt darum geht, die reale Welt mit Kameras etc. abzubilden.
Statt dessen hat man ein kleines Labor geschaffen, eine künstliche
Welt, in die Organismen hineingesetzt werden. So etwas findet
man und das war vor einem Monat bei uns ein Thema heute in einem
Computerspiel, das sich "Creatures" nennt. Dort werden diese kleinen
"Norns" aus Eiern ausgebrütet, und das sind dann auch Wesen, die
mit nichts auf dieser Welt wirklich etwas gemein haben. Aber sie
sind eben doch nach einigen Prinzipien unserer Welt modelliert.
Man kann ihnen etwas beibringen, d. h., sie lernen nicht von selbst.
Sie bringen natürlich Eigenschaften mit, aber man kann schon auch
versuchen, sie auszubilden. Sie können sich sogar paaren, und
ich kann dann über diese Zyklen immer "intelligentere" Wesen bekommen.
Das finde ich zumindest einen ganz interessanten Ansatz, den man
heute auch wirklich auf den Markt bringen kann, denn das ist ein
System, das robust genug ist, um über mehrere Generationen zu
funktionieren.
Herr Gruber: Ist das nun ein System, das für sich
steht, also lediglich ein interessantes Computerspiel ist, oder
wirkt das, dieses "artificial life", dieses künstliche Leben,
auch befruchtend auf die allgemeine KI-Forschung?
Dr. Klotz: Da gibt es schon noch Projekte,
die über das reine Spielen hinaus abgelaufen sind. Zum Beispiel
haben diese "Norns" auch dazu gedient, die Kunden in einer Bank
zu simulieren. Die Fragestellung war dabei, wann Kunden ärgerlich
werden, wenn es zu lange dauert. Wann fangen sie an herumzulaufen
usw.? Das hat man simuliert. Man kann diese Norns dabei eben so
programmieren, daß die Ergebnisse wirklich nützlich sind für den
Auftraggeber dieser Fragestellung. Die zweite kleine Anwendung
bestand darin, daß diese kleinen "Norns" in der Simulation Flugzeuge
geflogen haben. Das Erstaunliche dabei war, daß sie zwar sowieso
steuern konnten - auf, ab, links, rechts -, also ganz rudimentäre
Sachen, die hineinprogrammiert waren. Aber mit der Zeit haben
sie auch komplexe Flugmanöver gelernt. Die Nachfolger der ersten
Generation konnten plötzlich einem Angreifer ausweichen und abtauchen
ganz so, wie es die Profis in der Wirklichkeit auch tun würden.
Sie haben auch ganz selbständig herausgefunden, daß sich eine
sehr stabile Flugbahn ergibt, wenn man spiralförmig fliegt: Das
wäre für einen Menschen sehr ungesund, aber Projektile z. B. fliegen
ja auch so. Da ist also am Schluß doch mehr vorhanden gewesen
als am Anfang.
Herr Gruber: Das heißt, das ist ein Programm,
das imstande ist zu lernen, das bestimmte Größen durch positive
oder negative Erfahrung verstärkt: Das ist also ein echtes lernfähiges
System. Kann denn die KI weiter etwas daraus machen, für handgreifliche
und konkrete Produkte? Oder ist das eben nur ein Spiel?
Prof. Görz: Daß das Lernen oder zumindest
die Operationalisierung eines Teils des Lernens, so daß man das
in ein solches System integrieren kann eine ganz zentrale Rolle
spielt, ist offensichtlich. Es gibt ja solche Systeme, die zu
einem großen Teil mit statistischen Verfahren arbeiten, große
Datenbestände auswerten das reicht über viele Bereiche der KI
und dann versuchen, gewisse Regelmäßigkeiten zu entdecken und
eventuell auch Regeln zu formulieren, wie man gewisse Serien fortsetzen
könnte, um das dann gewinnbringend einsetzen zu können. Das gibt
es schon. Das gibt es z. B. im Finanzbereich: Viele Unternehmen
haben ja gewaltige Datenfriedhöfe herumliegen, die mit den bisherigen
Methoden nicht sinnvoll ausgewertet werden können, die aber offensichtlich
in vielen Fällen sehr wertvolle Erkenntnisse liefern könnten,
wenn man denn die Verfahren dazu hätte. Dazu gibt es nun eine
Vorgehensweise, die in den letzten Jahren unter dem Thema Data-Mining
bekannt geworden ist. Da werden solche lernenden Systeme durchaus
eingesetzt: Sie versuchen, in solchen riesigen Datenbeständen
bestimmte Regelmäßigkeiten, Entwicklungstendenzen usw. zu erkennen.
Herr Gruber: Herr Radig, Sie hatten ja schon diesen
Unterschied angesprochen, ob etwas durch das menschliche Gehirn
hindurchgehen muß oder ob die Systeme für sich existieren. Es
ist für jeden immer wieder spannend, darüber nachzudenken, inwieweit
es einmal Systeme oder Roboter geben wird, die zu uns wirklich
in Konkurrenz treten werden. In den USA wird darüber ja wild spekuliert,
da wird auch der Zeithorizont ganz klar vorgegeben: Die Roboter
lösen uns ab! Wird es dazu kommen?
Prof. Nebel: Ich denke, es wird genauso
dazu kommen, wie es dazu kommen wird, daß uns die Autos und die
Handys "beherrschen" und zwar auch in genau der gleichen Art und
Weise.
Herr Gruber: Ja, aber das Handy können wir abschalten,
wenn wir wollen, das Auto können wir benutzen oder es auch bleiben
lassen.
Prof. Nebel: Ja, aber wenn Sie sich in
unserer Welt umsehen, dann erkennen Sie, daß diese Welt so gestaltet
ist, daß sie autofreundlich und nicht menschenfreundlich ist.
Die Welt ist also schon sehr in der Richtung modelliert worden,
daß sich das Auto "wohlfühlen" kann.
Herr Gruber: Aber es ist doch gerade ein Zug unserer
Zeit, daß wir versuchen, das wieder etwas rückgängig zu machen.
Aber wenn die Rechner autonom existieren, und wir dann sozusagen
zum alten Eisen gehören: Wer soll dann die Uhr umkehren? Ich weiß,
wir spekulieren da etwas, aber es ist eben doch auch die Frage,
welche Perspektiven in solchen Entwicklungen stecken.
Prof. Nebel: Nein, nein. Ich denke, daß
uns die Roboter in genau der gleichen Art und Weise beherrschen
werden: Sie werden auch herumfahren, und wir werden wahrscheinlich
vieles in unserer Umwelt daraufhin ausrichten, damit sie bequem
herumrollen und die Papierkörbe auch wirklich ausleeren können.
Aber ich glaube nicht, daß uns die Roboter in irgendeiner Art
und Weise tatsächlich beherrschen können oder wollen: dazu müßten
sie ja so etwas wie Willen und Intention haben und das habe ich
bisher eben in der ganzen Entwicklung noch nicht gesehen.
Herr Gruber: Da sind wir nun bei einem Stück Prognose,
bei einem Stück Zukunftsforschung so im Stile der Delphi-Methode
angelangt: Experten fragen, was in 20 oder 30 Jahren sein wird.
Was wird sein in 30 Jahren? Wie weit werden Roboter entwickelt
sein und uns beherrschen oder nicht?
Prof. Radig: Eine einfache Antwort darauf
ist folgende, Herr Nebel hat das soeben ja schon gesagt: Wir haben
immer die Tendenz, die Dinge zu vereinfachen. In einem Gespräch
wie diesem hier müssen wir das sogar tun, indem wir Programme,
Roboter und Computer vermenschlichen und sagen, sie würden dieses
oder jenes machen und sie würden uns "beherrschen". Das Grundmaterial
aber, aus dem solche Dinge leben, sind Programme, die im wesentlichen
von Menschen geschrieben worden sind. Ob wir so etwas programmieren
können? Zumindest die Studenten, die ich ausbilde, können das
nicht, denn sie sind zu dumm dazu.
Herr Gruber: Na, na.
Prof. Radig: Gut, ein bißchen etwas können
sie schon. Zum Beispiel gute Strategieprogramme für Fußballspiele
schreiben. Das ist eine Möglichkeit, die es gibt. Die Sache mit
den ernsthaften Anwendungen will ich ein wenig konkretisieren,
Herr Nebel. Wir haben uns z. B. lange Zeit mit Fahrerassistenzsystemen
beschäftigt, d. h. damit, mehr Autonomie und Intelligenz ins Auto
hineinzubringen in der Weise, daß Fahrzeuge den Fahrer beim Erkennen
von Verkehrszeichen, von Straßenrändern, von Fahrbahnen, von Kurven,
hinsichtlich des Abstands zum Vordermann usw. unterstützen: Da
kommen wir in einen schleichenden Ablösungsprozeß hinein, bei
dem wir gar nicht mehr merken, daß wir irgendwann einmal vom Auto
quasi beherrscht werden. Das geht dann eben von der Unterstützung
bis hinein zu immer höheren Autonomiestufen, bis die Autos irgendwann
von alleine fahren, wir dabei die Augen schließen und am Steuer
quasi schlafen können. Es mag schon sein, daß wir in eine solche
Abhängigkeit hineingeraten können.
Prof. Nebel: Aber das Ziel geben doch
immer noch wir vor. Wir sagen schon noch selbst, daß wir nach
Nürnberg fahren wollen.
Herr Gruber: Was werden in 30 Jahren die höchstentwickeltsten
Systeme sein oder wann auch immer?
Prof. Görz: Da ist gewaltig viel Spekulation
und Science-fiction mit dabei. Ich bin auch hinsichtlich dieser
Delphi-Studien sehr skeptisch. Da wird natürlich immer ganz fröhlich
in die Zukunft hinein extrapoliert...
Herr Gruber: Machen Sie das nicht auch fröhlich,
machen Sie das seriös?
Prof. Görz: Ich bin da wirklich sehr skeptisch,
weil ich denke, daß immer zuerst diejenigen Dinge automatisiert
werden, die wirtschaftlich einen besonderen Effekt bringen. Das
wird auch mehr und mehr in den Dienstleistungsbereich eindringen.
Denn das wirtschaftspolitische Allheilmittel Dienstleistungsbereich
ist nämlich gar keines, weil auch da die Automatisierung rapide
voranschreitet. Es ist immer eine Frage der Kosteneffektivität,
die dabei die wichtigste Rolle spielt. Ob das unbedingt die vielen
kleinen herumfahrenden Roboter sind, die bestimmte einfache Aufgaben
erledigen, weiß ich nicht. Aber ich kann mir vorstellen, daß all
das, was sich relativ leicht automatisieren läßt und was in der
Lage ist, z. B. eine Dienstleistung rund um die Uhr zur Verfügung
zu stellen, wahrscheinlich in Kürze gemacht werden wird, wenn
es technisch machbar und einigermaßen robust einsetzbar ist. Wir
haben bisher den Bankautomaten und den Tankautomaten bekommen,
und wir werden in vielen Bereichen in einiger Zeit Auskunftsautomaten
bekommen, die man dann auch noch nachts um vier Uhr anrufen kann.
Herr Gruber: Aber der Haushaltsroboter läßt noch
etwas auf sich warten?
Prof. Görz: Ich denke, das ist auch ein
Kostenproblem.
Herr Gruber: Die Leser von "Chip" sind sicherlich
auch daran interessiert, sich gerade auf einem so spekulativen
Gebiet vorstellen zu können, was einmal sein wird. Was schlagen
Sie da dem Leser vor?
Dr. Klotz: Ich denke, das wird auch weniger
spektakulär kommen, als man meinen könnte, wenn man sich bestimmte
Filme ansieht. Ich glaube nicht so sehr an diese Blechbüchsen,
die da herumfahren und fröhlich blinken. Marvin Minsky war es
wohl, der in der Einführungsveranstaltung seinen Studenten immer
folgendes Beispiel gab: "Wie könnte ein Roboter aussehen, den
man nimmt, um den Abwasch zu erledigen?" Da kamen von seiten der
Studenten die wildesten Konstruktionsvorschläge, und er sagte
zu ihnen: "Nun schaut mal in die Küche, was das steht! Das ist
dieses unauffällige Gerät, das ganz anders als ein Mensch funktioniert,
aber die Sache viel besser macht: die Spülmaschine!" Insofern
denke ich mir, daß wir da ganz ähnliche Lösungen für Dinge finden
werden, so daß wir dann sagen werden: "Hey, das ist aber praktisch!
Das wollen wir haben, das ist bezahlbar." Das hat seine Wurzeln
in der KI, aber irgendwann werden wir vielleicht gar nicht mehr
groß darüber reden, ob das KI ist oder nicht, sondern nur noch
darüber, was das kostet und wozu man es brauchen kann.
Herr Gruber: Ich bedanke mich für einiges an Spekulation,
aber ich bedanke mich natürlich auch für die Informationen, die
konkret nachvollziehbar und handfest sind, die Entwicklungen betreffen,
von denen wir uns vielleicht morgen schon umgeben sehen. Liebe
Zuschauerinnen und Zuschauer, ich hoffe, daß es kein zu breiter
Bogen war, den wir hier in der Sendung gespannt haben. Mir ist
die Erkenntnis wichtig, daß künstliche Intelligenz keineswegs
völlig spekulativ ist, sondern daß sie sich mit ganz konkreten
Problemen befaßt und versucht, Lösungen zu entwickeln, die unserem
Intelligenzbedürfnis sehr entgegenkommen. Ich bedanke mich bei
meinen Gästen hier im Studio sehr für das Gespräch, und ich bedanke
mich bei Ihnen fürs Zuschauen. Das war Alpha-Forum-Wissenschaft.